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Brief der Mutter, also der Jüdin Berta Klein an Kardinal Frings (1946)
Bonn, 1. August 1946

Eminenz!
Ich weiß, ich darf es nicht, aber ich wage es doch. Kenne ich doch aus dem Munde meines geliebten, unvergessenen Sohnes (des tödlich verunglückten Kaplan[s] Peter Klein, Assistent am Diözesan-Archiv, Köln), der mir alles, alles erzählte, kenne ich doch von Ihrer Güte, Ihrer grenzenlosen Güte. Ich höre es auch von anderen und - darauf baue ich mein Vertrauen auf Ihr gütiges Verzeihen und Vergeben meiner Schuld. Schon längst wollte ich Ihnen, hochwürdigster Herr Erzbischof, meinen heißesten und aufrichtigsten Dank aussprechen für Ihre tröstenden, gütigen Worte, als mich das große Leid traf, wo mein heißgeliebter, unvergesslicher Sohn in der Blüte seiner Jugend, in der Fülle des Lebens und Schaffens, in so tragischer Weise dahingeschieden ist. Damals durfte ich ja nicht schreiben. Damals, in der bösen Kriegs- und Nazizeit, mußte ich mich ja verborgen halten. Und mein geliebter Sohn fand einen Ausweg: "Liebe Mama, ich will Dich in Sicherheit bringen", waren seine sorgenden Worte und er brachte mich in sein geliebtes Leoninum, wo seinerzeit der Hochwürdigste Herr Direktor Reckers uns sehr freundlich aufgenommen hat. Wo noch heute, Dank Ihrer Güte, Eminenz, ich ein freundliches Obdach habe und allseits viel viel Liebe genieße. Angefangen vom hochw. Herrn Direktor Teusch und Dr. Groner, so auch von den Schwestern. Großen Dank schulde ich noch dem Hochwürdigsten Herrn Generalvikar David. - Haben Sie, Eminenz, meinen innigsten Dank für Ihr Wohlwollen und Schutz, auch Duldsamkeit. Der Segen Gottes wird nicht ausbleiben, da betet mein Kind und - auch ich. -

Hochwürdigster Herr Erzbischof!
Wenn ich mich heute zum Schreiben doch entschlossen habe, so ist noch ein zweiter Grund dabei. Da ich in Hinterlassenschaft meines geliebten Sohnes immer blättere, so fand ich Folgendes in einem Briefe an einen hiesigen Theologen, welcher mir der Betreffende liebenswürdigerweise zur Verfügung gestellt hat und welchen ich dann abgeschrieben habe. Sie gestatten, Eminenz? - Eine Antwort des Briefes an Herrn Hans Werres, vom 24.8.1943 "Am 12. Aug[ust] erhielt ich Deinen l[ieben] Gruß zum Namenstag vom 27. Juni. Ja, inzwischen hat sich allerhand ereignet. Mohrenstr. 18 ist ein Rauch [!] der Flammen geworden in der Schreckensnacht vor meinem Namenstag. Meine l[iebe] Mutter und ich sind mit dem Leben davon gekommen. Gott sei gedankt. All´ unsere Habe bis auf ganz weniges wurde vernichtet: Möbel, Kleidungsstücke, Bücher - alles. Es begann die schwierige Aufgabe der Wohnungssuche. Nach allerhand "Irrfahrten" kamen wir am 9. Juli hier im Leoninum unter, in dem Johann Sodemann und ich, und noch manch andere Lichtgestalt der Kölner Kirche den hohen Studien oblag. Ja, das hätte ich nicht gedacht, als ich Ostern 1934 des Leoninum mit dem Schlußexamen verließ, daß ich nach rund 10 Jahren als wohnungssuchender Obdachloser wieder an seine Pforte klopfen mußte ... Aber ich danke Gott, daß er uns hierher geführt hat. Es war ein eigenartig "wohliges" Gefühl für mich, als ich am Abend des 9. Juli nach den Mühen der Wohnungssuche meine Mutter und mich hier untergebracht wußte und nach dem Abendbrot in der altvertrauten Kapelle mit den hier anwesenden 20 Theologiestudierenden wie unter "jüngeren Brüdern" am Abendgebet teilnehmen konnte ...

Mein Archiv ist völlig ausgebrannt. Im Vorderbau fanden Domkapellmeister Prof. Mölders u[nd] ein anderer Geistlicher unter den Trümmern den Tod. Im Keller des Erzbischofs wurden zwei Ordensschwestern getötet. Unser Erzbischof hat sich auch in der Schreckensnacht wieder in seiner tatkräftigen, frischen zupackenden Art bewährt. Er beteiligte sich an den Löscharbeiten und spendete einem oder mehreren Sterbenden im Krankenhaus die hl. Ölung. Das Palais ist bis zur Unkenntlichkeit zerstört und der Erzbischof wohnt z. Zt. in Honnef, wo auch ein Teil des Generalvikariates hingezogen ist." -

Eminenz!
So bin ich zu Ende und ich bitte Sie, Hochwürdigster Herr Erzbischof, noch und nochmals, mir gütigst verzeihen zu wollen. Mein heißgeliebter Sohn hat meine Freiheit, um die er sich so gesorgt hat, nicht mehr erlebt. Auch hätte er bestimmt an manchem Aufbau Freude gehabt. Die Kirche, seine Kirche lebt wieder auf und "Neues Leben blüht aus den Ruinen". Meine Trauer ist grenzenlos. -

Ich glaube aber doch, daß mein Sohn über mich wacht und daß der liebe allmächtige Gott mich auch nicht verläßt. Fast jeden Tag erlebe ich eine Freude: da ein lieber Brief oder ein angenehmer Besuch. Und alle, alle denken sie treu meines geliebten Sohnes. -
Eminenz!

Ich empfehle mich Ihnen gehorsamst und bitte Sie noch und nochmals um Verzeihung, daß ich Ihre kostbare Zeit so in Anspruch genommen habe.

Ihrer Güte immer gedenkend, Ihnen, Hochwürdigster Herr Erzbischof, solange ich lebe, immer dankbar, zeichne ich in Demut,
Frau B[erta] Klein

Copyright dieses Briefes: (c) kath.net/Historisches Archiv des Erzbistums Köln. Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Historischen Archivs des Erzbistums Köln!
 
 
hochgeladen von:
bücherwurm
am: 03.02.2012
um: 19:51:04
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Peter Kleins Mutter: Die Jüdin Berta Klein im Alter von etwa 70 Jahren (um 1946)
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